Die Präsenz der Flüchtigen
Überlegungen zu den Werken von Dorthe Goeden
Schattenbilder
Die Frage nach dem Ursprung der Malerei ist fest mit einem Mythos verbunden, der Kunst und Kunstgeschichte bis heute beschäftigt. In seiner „Naturalis historia“ (1. Jh. n. Chr.) berichtet Plinius d. Ä. von einem Mädchen aus Korinth, das den durch Kerzenlicht erzeugten Schatten ihres Geliebten auf der Wand nachzog. Die junge Frau war so verliebt, dass sie im Angesicht des drohenden Verlusts des Mannes, der laut Plinius im Begriff war, in die Fremde zu ziehen, auf die Idee kam, zumindest sein Bild in Form eines Schattenumrisses zu fixieren. Dieses erste Bildnis, das die körperliche Absenz durch bildhafte Präsenz zu kompensieren suchte, glich einem Phantasma – eine Linie, welche das immaterielle Negativ des Körpers zu fassen versuchte.*
Im 18. Jahrhundert kam in ganz Europa der Scherenschnitt in Mode. Angesiedelt irgendwo zwischen Gesellschaftsspiel und wissenschaftlichem Experiment, lag ihm die Vorstellung vom Umrissprofil des Schattens als Urbild des Menschen zugrunde. Johann Caspar Lavater etwa nahm in seinen Physiognomischen Fragmenten den Schatten als Spiegel der Seele und betrieb anhand einer Vielfalt verschiedener Silhouetten eine Art Psychoanalyse avant la lettre. Der Schatten, eigentlich eine flüchtige Erscheinung, abhängig von der jeweiligen Lichtsituation, sollte hier festgeschrieben und lesbar gemacht werden. Von jenen Silhouettier-Sitzungen der Goethezeit ist Dorthe Goeden weit entfernt, zumal sie nicht mit der Schere, sondern mit Cutter und Skalpell arbeitet. Und doch könnte man sie als eine Schattenschneiderin bezeichnen. Ihre fragilen und komplexen Papierschnitte sind immer in Schwarz-Weiß gehalten und bezeugen ein ausgeprägtes Bewusstsein für das Verhältnis von Umrisslinie und undifferenzierter Binnenform ebenso wie für die eigenartige Präsenz des Unkörperhaften, womit zwei Aspekte beschrieben sind, die das Phänomen des Schattens bis heute faszinierend machen. Der Schatten ist etwas Sekundäres, gebunden an den Menschen oder das Ding, das ihn erzeugt. Er verweist auf körperhafte Präsenz, bezeugt Lebendigkeit und ist für sich genommen doch immateriell, ungreifbar, geradezu gespenstisch.
Erinnerung
In einem verlassenen Haus fand die Künstlerin Vorhänge, die noch immer an Ort und Stelle angebracht waren, während sich das Leben längst von diesem Ort zurückgezogen hatte. Relikte von Heimat, Spuren eines Individuums, das sich hier einmal zuhause gefühlt hat. Die Muster der Vorhänge blieben Dorthe Goeden in Erinnerung und gingen in ihren Fundus ein. Dieser Fundus ist eine Art loses Herbarium bruchstückhafter visueller Eindrücke und materialisiert sich zunächst in kleinen, meist sehr zurückgenommenen Zeichnungen, die häufig auf einfachem Schulheftpapier ausgeführt werden. Die Zeichnungen sind Übungen im Erinnern. Was von meiner ‚wilden Umwelt‘ bleibt hängen, wenn ich eine Straße entlang gehe – was nehme ich mit, wenn ich einen Ort verlasse? Oft sind es flüchtige, periphere und schwer greifbare Erscheinungen, die besonders einprägsam sind. Jenes Vorhangmuster etwa, der Schatten, den ein Ast wirft, oder Reflexionen des Hochhauses von gegenüber auf der eigenen Fensterscheibe. Doch Erinnerungen verfestigen sich in der Wiederholung. Manchmal werden sie dabei von unsortierbarem Überschuss ‚bereinigt’, manchmal bleiben sie wie Traumbilder: präzise im Eindruck, aber vage in der Form.
Beiden Tendenzen trägt Goeden mit den größeren Papierschnitten Rechnung, die auf der Basis ihres Fundus entstehen. Bevor mit Skalpell oder Cutter auf dem Karton angesetzt wird, muss das Motiv präzisiert und die Form geklärt werden, zumal die Reduktion auf den Schwarz-Weiß-Kontrast, der sich aus dem diffizilen Zusammenspiel von Wegnahme und Rückstand ergibt, immer eine prägnante Formulierung bedeutet. Und doch erlaubt Goeden ihren Werken eine gewisse Widerständigkeit, stößt man beim Entziffern der Schnitte immer wieder auf Verschiebungen und Verstrickungen, brechen Linien ab, verlaufen sich oder erscheinen seltsam zittrig. Aus der Erinnerung an die zurückgelassenen Vorhänge entwickelte Goeden drei neue ‚Vorhänge‘ mit verschiedenen Mustern – diesmal aus schwarzem Karton und der ursprünglichen Funktionalität enthoben. Der Schnitt erscheint wie das Negativ eines Vorhangs, fast so als hätte Goeden, wie die junge Frau aus Korinth, ein Schattenspiel festgehalten. Diesen Papierschnittvorhängen wohnt eine eigene Flüchtigkeit inne. Der eine wirkt, als würde er gerade von einem Lufthauch etwas zusammengeschoben, der andere, als wäre er ein wenig schief aufgehängt, und beide werfen sie gar ihren eigenen Schatten, da sie lediglich mit wenigen Nägeln an der oberen Kante an der Wand befestigt werden. Es sind zweidimensionale Abbilder eines visuellen Eindrucks, Erinnerungen an Gewesenes und zugleich neu geschaffene Dinge mit körperhafter Qualität und wiederum besonderem ästhetischem Reiz.
Wildwuchs und Ordnung
Stechpalmenblätter und eine Alpenpflanze, gesehen bei einer Wanderung in den Bergen; organische Muster von Vorhängen aus den sechziger Jahren; die metallisch reflektierende curtain wall eines modernen Hochhauses: Dorthe Goeden schöpft aus der Fülle der Formen zwischen den beiden Polen Natur und Kultur.
So taucht beispielsweise in einigen, auch kleinformatigeren, Papierschnitten eine Form auf, die an ein barockes Zierelement erinnert. Die für diese Epoche typische Rocaille ist bezeichnenderweise selbst eine aus der Natur für die Dekoration von Architektur abgeleitete Form; sie wirkt ebenso elegant wie spielerisch. Goeden extrahiert diese Form aus ihrem Kontext und kombiniert sie wiederum mit pflanzlichen Motiven wie zartem Astwerk. Ein anderes Werk besteht aus einem Tuschefleck. Von jeher in der Kunst faszinierendes Sinnbild für die schöpferische Kraft des Zufalls und das sich selbst herstellende Bild, wird er hier von Goeden sozusagen in Form geschnitten, behält dabei aber – fast ein ironischer Kommentar – seine amorphe Struktur.
Die Dualität von Wildwuchs und Ordnung prägt auf besondere Weise die Ornamentik einer architektonisch installierten Bodenarbeit aus dem Jahr 2013. Schattenrisse von Nadelholzzweigen und Zapfen wiederholen sich, in der Spiegelung an einen Rohrschachtest erinnernd und aneinandergesetzt zu einem hypnotischen, schwarz-weißen Medaillon-Muster. Natürliche Unregelmäßigkeit verbindet sich auf diese Weise mit anorganisch-regelmäßiger Ordnung. Die Formen dieser und anderer Arbeiten erinnern an kaleidoskopische Effekte von aufgefächerten Natursteinscheiben, die mathematisch kühle Schönheit von Kristallstrukturen oder gar die Darstellung naturwissenschaftlicher Phänomene. Der einzelne Gegenstand, der dem Kachelmuster als Vorlage dient, geht in einer größeren Ordnung auf, da die Werte Schwarz und Weiß im Muster ebenbürtige Bedeutungsträger werden. Wie stabil sind die Bedeutungen, die wir der dinglichen Welt um uns zuschreiben?
Ausschnitte
Goedens monochrome Arbeiten, sowohl die jüngeren wie auch jene Wandmalereien, die in ihrem Werk den Übergang zu den Papierschnitten markieren, spielen mit der Balance von gegensätzlichen Werten. Die Künstlerin geht mit der Technik des Herausschneidens so raffiniert und variantenreich um, dass sich die Werke dem aufmerksamen Betrachter als anregendes Vexierspiel zwischen Negativ- und Positivformen darbieten. Einmal schneidet die Künstlerin aus der Fläche des Kartons solange heraus, bis nur noch feine schwarze Netze stehen bleiben, die wie die Umrisslinien einer Zeichnung funktionieren. Ein anderes Mal löst sie die Motive als Aussparungen aus dem schwarzen Karton so heraus, dass sich diese erst durch den bei der Präsentation untergelegten weißen Hintergrund als Negativformen definieren. Die Arbeit „horch was wächst“ überträgt dieses Vexierspiel in den räumlichen Kontext. Auf die Fensterflächen eines leerstehenden Ladenlokals in Maastricht wurde mithilfe einer schablonenartig vorbereiteten Folie schwarze Farbe so appliziert, dass sich am Ende gerade das Motiv, die wuchernden pflanzlichen Formen, als Aussparungen präsentierten, durch die sogar der Ausblick aus dem Fenster und die von weitem wahrnehmbare Ausleuchtung des Motivs durch das Licht im Rauminneren gewährleistet wurden. Nicht nur die schwarz-weißen Papierschnitte zeichnen sich also durch eine große Vielfalt aus – Goeden erweitert das Spektrum der Formulierungsmöglichkeiten noch. Ein Bühnenbild aus dem Jahr 2008 trägt ebenso wie die hinterleuchteten Siebdrucke „käme ich noch mal dort vorbei“ unverkennbar ihre ‚Handschrift‘, die bezeichnenderweise eigenwillig und manchmal geradezu intim ist, obwohl sie keinerlei spontan-gestische Momente bereithält.
Rechtwinklige Kanten begrenzen viele ihrer Arbeiten, darin herkömmlichen Bildflächen ähnlich. Analog zu Goedens Technik des Herauslösens aus dem Karton scheinen die Motive daher aus der Welt und ihrem Kontext ausgeschnitten. Ein großformatiger Papierschnitt aus dem Jahr 2011 zeigt kleine, schraffurähnlich aus dem Schwarz geschnittene Rechtecke, die an die Struktur einer Hochhausfassade mit ihren spiegelnden Fenstern erinnern. Das Format der gesamten Arbeit erfasst nur einen Teil dieser Fassade, sodass man das Bild selbst als Blick durch ein Fenster verstehen könnte. Also das Bild als Fenster, das einen exakten Ausschnitt der Welt zeigt, wie es schon Leon Battista Alberti in seinem Malereitraktat formulierte? Diesem Anspruch folgt Dorthe Goeden bewusst nicht, denn die klassische Perspektive wird durch die Technik des Scherenschnitts, durch die Transformation der Welt in kontrastierende Linien und Flächen aus Schwarz und Weiß aufgehoben. Ihre Werke präsentieren sich somit als eigenwillige Gebilde, die den Bereich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit spielerisch ausloten.
Preziosen
Wer als Betrachter den Arbeiten von Dorthe Goeden begegnet, wird zunächst von ihrer grafischen Präzision und der Schwarz-Weiß-Ästhetik angezogen. Doch je näher man ihnen kommt, desto mehr offenbaren sie ihre handwerkliche Feinheit, die Produkt eines anspruchsvollen und äußerst langwierigen Arbeitsprozesses ist. Der Blick verfängt sich in den geradezu flirrenden Strukturen, er entdeckt vertraute Formen und stößt doch immer wieder auf Fragmentarisches, irritierend Uneindeutiges.
Nicht zuletzt liegt die spezifische Qualität dieser Papierschnitte in ihrer körperhaften Präsenz. Denn der Eindruck, es handele sich um ‚klassischerweise’ gerahmte, an die Wand gehängte Bilder, wird durch ihre spezielle Präsentationsweise gebrochen. Goeden klebt die Schnitte nicht fest, sondern fixiert sie lediglich mit kleinen Metallstiften an einigen Stellen der Wand oder im Rahmen und gewährt ihnen so eine gewisse Beweglichkeit. Die feinen Blätter wölben sich, einzelne Elemente stehen leicht hervor, reagieren auf jeden Luftzug. Ihre Materialität unterscheidet sie dann doch stark von dem Medium der Zeichnung – einige Arbeiten haben gar den Charakter fragiler Plastiken. Wie seltene Schmetterlinge oder kostbare Preziosen scheinen gerade die kleineren Papierschnitte hinter dem Glas zu schweben.
Dorthe Goeden hat keine Scheu davor, den erinnerten Bruchstücken im Kunstwerk eine neue, starke Form zu geben. Doch festzuhalten, was flüchtig ist, bedeutet nicht, dem Schatten sein Eigenleben zu nehmen.
Clara Wörsdörfer und Juliane Duft, 2014
* Vielleicht aus diesem Grund griff schließlich der Vater des Mädchens, der Töpfer Butades, ein und verwandelte das gespenstische Bildnis mithilfe seiner Töpferfertigkeiten in eine plastische Figur, die schließlich als substantieller Stellvertreter des Geliebten gelten konnte. Zu den komplexen Implikationen dieses Ursprungsmythos und der Bedeutung des Schattens für die Geschichte der bildlichen Repräsentation im Allgemeinen siehe Victor I. Stoichita, Eine kurze Geschichte des Schattens, übers. v. Heinz Jatho, München 1999.